»...daß die Macht an sich böse ist«.
Eine Aktualisierung des Satzes von Jacob Burckhardt


120 Seiten (2006)
EUR 9.80 sFr 17.90
ISBN 3-89965-157-X
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Kurztext: Eine gelungene Synthese von gesellschaftstheoretischer, geschichtsphilosophischer und politisch-theologischer Interpretation der Gegenwartskonstellation der USA und Europas.


Der im Buchtitel aufgegriffene Satz des Kulturhistorikers Jacob Burckhardt (1818-1897) ist sehr bekannt und wird gern zitiert. Er scheint aber aus dem Kontext seines Werkes heraus, seiner Zeit und des philosophischen Nachdenkens über Macht noch nicht sorgfältig interpretiert worden zu sein. Teil A der Untersuchung von Edelbert Richter ist ein erster Versuch dazu.

Natürlich steht hinter seiner Beschäftigung mit Burckhardt ein gegenwärtiges Interesse, sogar ein sehr bedrängendes. Teil B stellt daher das sicher gewagte Unternehmen dar, Burckhardts Satz auf die Gegenwart anzuwenden, die politisch im Zeichen der Vorherrschaft einer Macht steht. Gewagt ist das deshalb, weil der Abstand zwischen damals und heute so groß ist, dass man das Wesentliche der Gegenwart womöglich gerade verpasst, wenn man sich an Burckhardt orientiert. Erstaunlicherweise stellt sich jedoch heraus, dass die Theorie, die hinter seiner Aussage steht, Punkt für Punkt auf die heutige Situation übertragen werden kann.

Dass aber die Anwendung gerade der pessimistischen Züge seines Machtverständnisses auf die USA so weitreichend gelingt, liegt an der restaurativen Machtpolitik, die diese heute betreiben: Weil die USA hinter die Fragestellung, die über Burckhardt hinausgeht, zurückgefallen sind, bestätigen sie ihn. So ergänzen sich die theoretische, defensive, feinsinnige Weltverneinung von einst und die praktische, offensive, brutale Weltverneinung von heute mehr, als sie sich widersprechen.

 

 

Leseprobe

Einleitung


Der Satz von Burckhardt ist sehr bekannt und wird gern zitiert. Er scheint aber aus dem Kontext seines Werkes, seiner Zeit und des philosophischen Nachdenkens über Macht noch nicht sorgfältig interpretiert worden zu sein. Teil A soll ein erster Versuch dazu sein. Um eine wichtige praktische Konsequenz der Interpretation schon anzudeuten: Burckhardts Texte vermitteln nur wenig Hoffnung, dass die "Macht an sich", die seit der Neuzeit die europäische Politik zunehmend bestimmt, je gebändigt und dem Recht unterworfen werden könnte. Eher wird sie schließlich den Sieg davontragen und alles menschenwürdige Leben unter Kriegen und neuer Despotie begraben. Es sei denn, es erwachsen neue "heile Kräfte", die die Macht künftig "in die Kur" nehmen können. Diese Gegenkräfte müssen jedoch von ganz anderem Schlage sein als die, die derzeit politisch Opposition machen. Sie müssen gegen die Verführungen der Macht immun und zum Martyrium bereit sein. Ihr Handeln muss einen religiösen Rückhalt haben, wenn es dieser verselbständigten Macht gewachsen sein soll. Denn Burckhardt sieht seine Zeit in deutlicher Nähe zu der des spätrömischen Reiches. Und er neigt einer gnostisch-dualistischen Weltsicht zu, die sich allerdings nicht zu völliger Weltverachtung steigert, sondern die Liebe zur Welt sich zur Pflicht macht. Diese Liebe reicht freilich nicht aus für die Masse der Menschen und die wirkliche Natur, sondern nur für die sublimen Werke der Kunst. Sie sind "das einzig irdisch Bleibende", "eine zweite ideale Schöpfung". (Weltgeschichtliche Betrachtungen, 61) Daher Burckhardts Konzentration auf sie und die Leidenschaft, das geistige Erbe des alten Europa zu sichten und im Niedergang zu bewahren.

Natürlich steht hinter der Beschäftigung mit Burckhardt ein gegenwärtiges Interesse, sogar ein sehr bedrängendes. Teil B stellt daher das sicher gewagte Unternehmen dar, Burckhardts Satz auf die Gegenwart anzuwenden, die politisch im Zeichen der Vorherrschaft einer Macht steht. Gewagt ist das deshalb, weil der Abstand zwischen damals und heute so groß ist, dass wir das Wesentliche der Gegenwart womöglich gerade verpassen, wenn wir uns an Burckhardt orientieren. Denn trotz der prophetischen Weitsicht, die wir bei ihm feststellen, konnte er natürlich keine ausreichende Vorstellung davon haben, was das 20. Jahrhundert an Ungeheuerlichkeiten, aber auch an faszinierenden Entwicklungen gebracht hat. Und ist nicht das Denken von Historikern überhaupt zu sehr der Vergangenheit verhaftet, als dass es Neues wirklich in den Blick bekommen könnte? Zumal das Denken eines im Grunde auch politisch Konservativen! (vgl. Bauer 2001: 210) Das letzte Jahrhundert war aber eines, in dem nun tatsächlich historisch Neues geschehen ist, in dem buchstäblich Utopien Wirklichkeit wurden. Von Automobil und Flugzeug, von Radio und Fernsehen, von Kernenergie und Gentechnik wusste Burckhardt aber noch gar nichts. Nun kann man freilich sagen, das seien ja nur weitere Machtmittel; er wusste aber, wie die Europäer der Neuzeit mit solchen Mitteln umgehen, von den Zwecken, die sie mit ihnen verfolgen. Und das rechtfertigt es nicht nur, von ihm auszugehen, sondern wird sich sogar als fruchtbar erweisen. Denn es ist schon erstaunlich, dass die Theorie der Machtpolitik, die hinter Burckhardts Satz steht, Punkt für Punkt auf die heutige Situation übertragen werden kann.

Trotzdem bleibt die Frage, ob die in diesem Jahrhundert erreichte Übermacht der Mittel nicht eine neue Qualität fürs menschliche Zusammenleben bedeutet und zu einem anderen Umgang mit ihnen nötigt. Am deutlichsten ist das zuerst bei der Atomenergie geworden, nach deren Entdeckung die Menschheit nun dazu verdammt ist, über ihr Sein oder Nichtsein selber zu entscheiden. Will sie weiter leben, so kann sie sich nicht mehr auf das Risiko eines großen Krieges einlassen, sondern muss auf Frieden hinarbeiten. Machtbeschränkung ist zur Lebensbedingung des technischen Zeitalters geworden. Davon kann man gar nicht absehen, wenn man heute über Macht reden will. Wir werden diese Problematik also entfalten müssen, denn hier liegt zweifellos eine Grenze von Burckhardts Sicht. Daher hat er auch im Hinblick auf die Zwecke manches nicht ahnen können. Neue Despotie und Weltkrieg sah er zwar kommen, nicht jedoch so etwas wie die UNO, die Fortschritte im Völkerrecht oder die europäische Einigung. Dass andrerseits alles auf die Vorherrschaft einer Großmacht hinauslaufen könnte, hat er wohl geahnt, aber dabei nicht – wie andere Zeitgenossen durchaus – an die Vereinigten Staaten gedacht. Das ist nun aber keineswegs Zufall, denn hier zeigt sich eine zweite Grenze von Burckhardts Machtbegriff: Er hat dem angelsächsischen Weg der Modernisierung einfach zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist jedoch heute ganz unmöglich, die Geschichte der Macht zu erforschen, ohne bald auf den Punkt zu stoßen, wo sie am perfektesten und präzisesten gedacht und geglaubt wurde: nämlich als "Allmacht" Gottes im späten Mittelalter und dann im westlichen Protestantismus. Mit diesem Gedanken und diesem Glauben wurde die mittelalterliche Natur- und Sozialordnung viel gründlicher aus den Angeln gehoben als durch die italienische Renaissance, die Burckhardt als Wendepunkt ansah. Denn hier ging es nicht um eine Rückkehr zur antiken Weltbejahung, sondern um ein Vorwärts zur Weltbeherrschung und insofern -verneinung. (Dass man darin eine Wiederkehr des gnostischen Dualismus in neuer Gestalt sehen kann, wird unten erläutert.) Damit begann aber der Weg, der schließlich zur Atombombe und den anderen Gefährdungen unserer technischen Welt führte. Insofern hängen die beiden Defizite von Burckhardts Machtbegriff miteinander zusammen. Erst wenn man die unbegrenzte wissenschaftlich-technische Naturunterwerfung mit einbezieht, erhält demnach der Satz, dass die Macht an sich böse, nämlich lebensgefährlich sei, seine volle Bedeutung.

Dennoch behält Burckhardt insofern Recht, als auch diese wissenschaftlich-technische Macht immer politisch gefördert und genutzt wird, auch nur politisch kontrolliert und begrenzt werden kann. Dass aber die Anwendung gerade der pessimistischen Züge seines Machtverständnisses auf die USA so weitreichend gelingt, liegt an der restaurativen Machtpolitik, die sie heute betreiben: Weil die USA hinter die Fragestellung, die über Burckhardt hinausgeht, zurückgefallen sind, bestätigten sie ihn. So ergänzen sich die theoretische, defensive, feinsinnige Weltverneinung von einst und die praktische, offensive, brutale Weltverneinung von heute mehr als sie sich widersprechen. Das sollten kritische Intellektuelle bedenken, wenn sie nach ihrer schweren Niederlage in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts verständlicherweise mit dieser zynisch gewordenen Welt nicht mehr viel anfangen können und vielleicht geneigt sind, neu aufbereiteten gnostischen Anrufen zu folgen. Peter Sloterdijk meint, zur Gnosis disponiert sei jemand, "dem es in Wahrheitsfragen darauf ankommt, eher klug als fromm zu sein." (Sloterdijk/Macho 1991: 35) Was er vergisst ist, dass "fromm" ursprünglich "nützlich, tapfer, rechtschaffen" bedeutete. Weshalb Paulus zwar die Freiheitsparole der frühchristlichen Gnostiker "Es ist alles erlaubt" aufnahm, jedoch sofort hinzufügte: "Aber es frommt nicht alles"! (1. Kor. 6,12; 10,23 in Luthers Übersetzung) Das heißt, er machte den Nutzen des Mitmenschen und folglich das tapfere Eintreten für sein Recht zum obersten Maßstab des Handelns.


2009

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1968 im außenpolitischen Kontext
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03.01.2004 (erschienen in „Ossietzky“)

2003

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18.05.2003 (erschienen in „Ossietzky“)

Gebrauch und Missbrauch der Sprache in Politik und Medien

04.02.2003 (gekürzt erschienen in „Publikforum“)

2002

Allgemeinverständliche Zusammenfassung „Globalisierung“

18.11.2002 (zu meinem Buch „Die SPD unter dem Druck der Globalisierung“)

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Dr. Edelbert Richter